Geschenk der Götter
Bild der Astrologin Gaby Multhammer, die zum Himmel blickt

Astrologie als Geschenk
der Götter

Gaby Multhammer

Woher kommt die Astrologie?

Umfangreiche Lektüre eröffnet neue Perspektiven.

Um mehr über dieses Mesopotamien und die Wiege der Astrologie zu erfahren, suchte ich in unserer Unibibliothek nach einschlägiger Literatur. Das Angebot war umfangreicher und vor allem anspruchsvoller als ich dachte. Um die anstrengenden Aufenthalte in der Uni zeitlich zu beschränken, besorgte ich mir die wichtigsten Bücher für den persönlichen Handbestand, einschließlich der vierzehn Bände Reallexikon der Assyriologie.

Die Essenz aus dem Bücherstudium ergab folgendes: Es existierte ab ca. 2.300 v.Chr., das ist gut dokumentiert, das frühbabylonische Reich mit der Stadt Babylon, auch Babel genannt, im Süden Mesopotamiens. Es reichte bis in das Mündungsgebiet von Euphrat und Tigris im Persischen Golf. Bei Ausgrabungen stellten die Archäologen verblüfft fest, dass es eine noch ältere Kultur vor den Babyloniern gab. Sie nannte sich Sumer.

Ihr Beginn wird in der Zeit zwischen 4.500 bis 3.500 v.Chr. vermutet. Mehr dazu im Kapitel Sumer – ein rätselhaftes Volk. Leider gibt es zu Sumer wenige originale Keilschrift-Tafeln. Es existieren jedoch viele Abschriften und Kopien der sumerischen Ur-Texte. Das ist aufgrund der unterschiedlichen Sprachen gut dokumentiert. Schnell wurde klar, dass die kulturellen Errungenschaften, worauf Babylon so stolz ist, auf diese frühere Kultur Sumers zurück gehen. Neben Ackerbau, Bewässerung, Verwaltung usw. zählen Kalenderwissen, „Mathematik“, Astronomie und vor allem Astrologie dazu. Das war für mich der erste Paukenschlag:

Nicht Babylon ist die Wiege der Astrologie, sondern Sumer!

Die babylonische Astrologie enthält Texte, die gegen 4.500 v.Chr. verfasst oder wenigstens auf diese Zeit zurückdatiert sind. Das war der Beginn der sumerischen Kultur, in der bereits alle zwölf Tierkreiszeichen mit Namen bekannt waren. So berichtet jedenfalls der Orientforscher Ernst Friedrich Weidner (1891-1976) im Handbuch der babylonischen Astronomie. Die Babylonier haben eindeutig von den Sumerern abgeschrieben.

Und Astronomie war klar eine Hilfswissenschaft zur Astrologie. Die astronomischen Begriffe werden in den babylonischen Texten mit Wörtern ausgedrückt, die es in der Sprache der Babylonier (Akkadisch) so nicht gibt. Alles deutet auf Lehnwörter hin, die einer anderen, älteren Sprache, eben dem Sumerischen entspringen. Um zu präzisen astronomischen Mess-Ergebnissen zu kommen, müssten selbstverständlich jahrhundertelange Beobachtungen des Sternenhimmels vorgenommen werden, so Weidner. Nicht zu vergessen eine präzise Zeitnahme für den Lauf der Planeten. Das klang für mich völlig naiv, denn es fehlte der Sinn und Zweck: wozu das ganze? Und woher hat ein Bauernstaat, mehr war Sumer nicht, das technische und mathematische Wissen?

Hinweise fand ich beim US-amerikanischen Sumerologen Samuel Noah Kramer. Er beschreibt ausführlich die Rolle von zahlreichen Göttern bei der Errichtung der sumerischen Kultur. Die wichtigsten für meine Belange sind der oberste Regent An oder Anu, der in seinem Himmelshaus Ešarra wohnt, und seine zwei Söhne Enlil und Enki (die Babylonier nannten ihn Ea). Enki kümmerte sich um die Geschäfte in der ersten Kultur auf der Erde. Er ist sozusagen der "Macher", der Gott der Schöpfung, des Süßwassers, der Weisheit und zugleich Schutzherr für Handwerker, Künstler, Magier und Astrologen. Allerdings war das mit der Astrologie so nicht geplant, wie ich gleich zeigen werde. Alles, was auf der Erde geschah, unterlag einer göttlichen Vorsehung. Die Götter gaben die Rahmenbedingungen für den irdischen Werdegang vor und verknüpften ihn mit den kosmischen Kreisläufen. Bereits in sumerischen Texten wird von einer Geheimwissenschaft über Himmel und Erde berichtet. Sie ist nach den ersten Sätzen als Enuma Anu Enlil benannt:

»Als Anu, Enlil und Ea, die großen Götter, nach ihrem Ratschluß die Orakel des Himmels und der Erde niedergelegt hatten…«

»Die Erscheinungen des Kosmos und des Kreislaufs sind Stoffwerdung der Gottheit...
Der Wille der Gottheit tut sich in den Kreislauferscheinungen kund. „In den Sternen steht’s geschrieben.“ … 
Die Zahl bildet den Maßstab alles Erkennens.«  

»Da alle Einrichtungen des Staatslebens als Widerspiegelungen himmlischer Erscheinungen gelten, so ist der Kalender, der die Einrichtungen des Lebens nach dem Umlauf der Gestirne reguliert, die wichtigste Staatsakte, Sache der Gesetzgebung.«

Den Satz deute ich so, dass sich das Leben in einem Staat im Umlauf der Planeten widerspiegelt und dabei ganz bestimmten Gesetzen und Strukturen unterliegt. Mit Hilfe der kosmischen Konstellationen konnten sie kontrollieren, ob die Anweisungen ihres Ratschlusses auf der Erde umgesetzt werden. Das ist für mich Astrologie und in dieser Form funktioniert sie auch heute noch.

Dieses Wissen sollte den Göttern vorbehalten sein. Aus irgendeinem Grund übergab Enki eigenmächtig die astrologischen Kenntnisse an die Menschheit. Dass diese Lehre in die Hände der einfachen Bevölkerung gelangte, war dem obersten Gott Anu ein Dorn im Auge. Er verfügte, dass nur geschulte Personen, in erster Linie Priester, Zugang haben sollten. Der Besitzer musste das Wissen geheim halten und durfte es wiederum nur an seinen Sohn weitervererben. Das war der zweite Paukenschlag. Astrologie war keine Erfindung des Menschen.

Astrologie war ein göttliches Geschenk.

Die Götter lieferten nicht nur das astrologische Wissen, sondern auch vorgefertigte Tafeln mit astronomischen Berechnungen. Es sind wohl die ersten Ephemeriden, eine tabellarischen Zusammenstellung von Gestirnspositionen. Es wird also gar nicht wirklich gerechnet. Die sumerischen und später babylonischen Astrologen mussten nur den entsprechenden Spalten nachschauen. Es existieren explizit Tontafeln mit tabellarischen Daten zum Saturn, Jupiter-Positionen bzw. eine Tabelle mit allen Vollmonden eines bestimmten Zeitraums (zu Bestaunen im Pergamon Museum in Berlin).

Damit ist aber noch nicht erklärt, woher die eigentlichen, astrologischen Deutungstexte kommen. Dazu gibt es ein weiteres Kapitel „mein Weltbild."

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