
Die Seele als Vermittlerin
Mein astrologisches Weltbild
Gaby Multhammer
Philosophischer Einstieg.
Platon, Porphyrios und C.G. Jung als Quellen für das Weltbild.
Es wird jetzt etwas philosophisch, aber keine Angst, das ist gar nicht so schlimm. Mein Mann studierte Philosophie, Psychologie und Theologie. Er half mir bei der Lektüre und verwies auf die Ähnlichkeiten in Platons Seelenlehre und den astrologischen Texten aus Sumer und Babylon.
In der westlichen Kultur taucht der Seelenbegriff erstmals beim griechischen Philosophen Platon (ca. 428/427 - 348/347 v. Chr.) auf. Gemäß seiner Doktrin ist die Seele das Prinzip des Lebens. Sie macht den Menschen zu dem, was er ist. In der Astrologie entspricht das der Position unserer Seele-Sonne im jeweiligen Zeichen/Haus. Sie verkörpert unser Wesen.
Die Seele wird bei Platon als flüchtig, ähnlich dem Atem, vorgestellt. In der Bibel haucht Gott dem Adam den Lebensatem (Odem) ein. Nicht nur Menschen haben eine Seele, sagt Platon, sondern auch die Tiere und Pflanzen. Der gesamte Kosmos ist beseelt – einschließlich der Materie.
Die Seele ist für Platon eine ordnende Kraft und der Sitz des Denkens, Erinnerns, Wahrnehmens, Fühlens, Empfindens, Wollens, Begehrens usw., somit aller bewussten sowie unbewussten Handlungen und Empfindungen. All diese Funktionen sind bei Platon keine Gehirnphänomene, wie uns die modernen Wissenschaften lehren.
Im vorausgehenden Thema „Offenbarungsbuch“ erwähnte ich den Philosophen Porphyrios, bei dem
»…die Seelen zukünftiger … Menschen in den Sternbildern die Horoskope, Lebensarten und
Lose wie auf einer Tafel lesen …«
Bei Platon ist es ähnlich; er benutzt nur andere Bezeichnungen. Die Seele schaut vor der Geburt anstatt der Sternbilder sogenannte Urbilder, die er Ideen nennt. Sie befinden sich in einem unsichtbaren Reich der Ideen. Dieses Reich ist nichts anderes als das Offenbarungsbuch bei den Sumerern.
Wenn die Seele in die physische Welt inkarniert, kann sie sich wieder an die Ideen erinnern, sobald sie mit den Gegenständen und Sachverhalten der Welt konfrontiert wird.
Die eigentliche Aufgabe der Seele ist es,
zwischen dem menschlichen Wesen (Körper) und dem Reich der Ideen zu vermitteln.

Meine Vorstellung, wie die Seele als Vermittlerin zwischen Himmlischem und Irdischem vermittelt (KI-generiertes und überarbeitetes Bild).
Dieses Prinzip des Vermittels kennt auch das astrologische Verständnis der Sumerer. Dabei gibt es eine Entsprechung zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen, das durch ein Band verknüpft ist. Dieses Himmelsband nutzt die Seele um zwischen beiden gegensätzlichen Sphären zu verbinden.
Der Gegensatz ist offensichtlich, denn das eine ist oben (Himmel/Offenbarungsbuch), das andere unten (Mensch/körperliche Welt). Dieses Prinzip ist in den Hermetischen Gesetzen niedergelegt: Wie oben so unten. Der griechische Philosoph Heraklit erkannte, dass die Natur in Gegenbegriffen strukturiert ist. Es gibt kein links ohne rechts, keinen Frieden ohne Krieg, kein Leben ohne den Tod. Mehr noch, die gegensätzlichen Positionen ändern sich ständig. Alles fließt, panta rhei, wird zu Energie.
Ziel ist es, in diesem ewigen Energiefluss eine Harmonie der Gegensätze zu schaffen. Das Leben ist ein Balance-Akt zwischen den Polen. Keiner der Pole ist dabei gut oder schlecht.
Die Seele wird in der Psychologie als Psyche (zu griech. psychḗ) bezeichnet, gleichbedeutend mit „Hauch“, ähnlich dem Odem. Der Schweizer Psychoanalytiker C.G. Jung verweist auf die Spannung der Gegensätze von Bewusstsein und Unbewusstem (nicht Unterbewusstsein!) in unserer Psyche.
Dort, im Unbewussten, und nur dort, ist unser Wesenskern, unser Ich, zuhause.
Ich wiederhole das, um es zu verdeutlichen, mit anderen Worten. Wir Menschen sind ein „gespaltenes“ Wesen. Man kann auch sagen, es schlagen zwei „Herzen“ in unserer Brust. In dem einen Herzen liegt unser Bewusstsein mit unserem Ego (nicht unserem Ich). Mit dem Ego zeigen wir uns in der Welt. Es entspricht dem Aszendenten im astrologischen Verständnis.
Zum anderen „Herzen“ gehört unser Unbewusstes, unsere Seele bzw. Psyche, unser wahres Ich. Es findet seine astrologische Entsprechung mit der Geburts-Sonne im jeweiligen Zeichen/Haus.
Allerdings, so Jung weiter, ist das Unbewusste eine unbekannte Seite in uns, etwas, das wir nicht kennen. Dazu müssen wir zuerst einmal über uns selbst Bescheid wissen:
»Selbsterkenntnis ist ein Abenteuer, das in unerwartete Tiefen führt.«
Dieses Ich, unsere Seele, ist wiederum verknüpft über das erwähnte „Himmelsband“ mit den göttlichen Sphären der sumerischen Astrologie, dem Himmelsbuch. Bei Platon lernten wir es als Reich der Ideen und als Weltseele kennen. In den philosophischen Schriften Indiens, den Upanishaden heißen die Begriffe Atman, als persönliche Seele und Brahman, als die All- bzw. Weltseele.
Es gibt ganz offensichtlich noch etwas Höheres, woran die individuellen Seelen Anteil haben. Dort überdauern sie das irdische Dasein, wie schon Goethe sinnierte. Sogar Albert Einstein glaubte an eine Art Überwirklichkeit ‚a reality outside us‘ hinter der Außenwelt, wie seine Biografin Antonina Vallentin berichtet.
C.G. Jung nennt diese höhere Sphäre (das Himmelsbuch) das kollektive Unbewusste. In den modernen Wissenschaften spricht man von Feldtheorien oder Quantenfeldern. Der Zellbiologe Rupert Sheldrake postuliert seine morphischen Felder, in denen Wissen gespeichert ist. Je mehr Menschen sich kollektiv mit einem Problem befassen, umso leichter ist es zu lösen. Jeder geistige Zugriff befruchtet das Feld. Die IT-Branche nutzt die Cloud, eine „Wolke“ zum Abspeichern von Daten. Der Philosoph Immanuel Kant nennt es das Reich der Dinge an sich und der Theosoph Rudolf Steiner spricht von der Akasha-Chronik.
Jedenfalls haben wir zu diesem Höheren, egal wie wir es bezeichnen, immer noch Zugang. Es ist uns nur nicht bewusst! Ob wir es Seele, Psyche, Selbst, Ich oder unseren Geist nennen, womit wir darauf zugreifen ist unerheblich. Es sind nur andere Wörter für den gleichen Sachverhalt.
Für mich ist das sumerische Himmelsbuch der Quell aller Deutungen und Interpretationen eines Horoskops. Wer eine Ausbildung zum Astrologen bzw. zur Astrologin macht, wird im Laufe der Zeit unbewusst darin lesen können, ohne dass der Umstand vordergründig erkannt wird. Anders lassen sich die astrologische Erkenntnisse und Auslegungen zu den relativ spät entdeckten Planeten Neptun, Uranus und Pluto nicht erklären.